In den Bergen von Vayots Dzor, zwischen stillen Tälern und wilden Schluchten, liegt das alte Yeghegis – eine Stadt, in der die Steine noch heute den Atem der Jahrhunderte bewahren. Im 13.-14. Jahrhundert war sie Residenz der Fürstenfamilie Orbelyan, deren Größe in den alten Kirchen und auf dem Familienfriedhof bis heute spürbar ist. Hier stehen die Kirche der Heiligen Gottesmutter, 1703 auf den Fundamenten eines älteren Heiligtums errichtet, die Kirche des Heiligen Karapet aus dem 13. Jahrhundert und die kreuzkuppelartige Zorats-Kirche, die durch ihre Harmonie der Linien und geistige Kraft beeindruckt.
Doch Yeghegis bewahrt auch ein anderes Gedächtnis – das der jüdischen Gemeinde, die mehr als ein halbes Jahrhundert Seite an Seite mit den Armeniern lebte. Auf den Basaltplatten des alten Friedhofs haben sich Inschriften in Hebräisch und Aramäisch erhalten – Stimmen aus der Tiefe der Jahrhunderte. Man kann hier Bibelverse lesen, Namen und Symbole erkennen, die einst lebenden Menschen gehörten, die dieses Land teilten.
Christliche Kreuze und jüdische Schriften, die im selben Raum nebeneinanderstehen, machen Yeghegis zu einem seltenen Denkmal kulturellen Zusammenlebens. Es scheint, als trüge der Wind, der durch die Schlucht weht, die Gebete und Gesänge beider Gemeinden mit sich – für immer in die Geschichte Armeniens eingraviert. Yeghegis ist nicht nur Ruinen und Grabsteine, sondern eine lebendige Legende, in der Glaube, Kultur und Schicksal zusammentreffen.